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Europa/Evropa – Die Nationalhymne des Kosovo

Das kleine, inmitten Europas gelegene Kosovo erklärte im Februar 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien und war von nun an ein souveräner Staat. Während staatliche Strukturen und Institutionen nicht neu geschaffen werden mussten, fehlte zur Vollendung des nationalen Bewusstseins ein Symbol, das die Einigkeit des Landes vollkommen machte und zugleich einen Schlusstrich unter die konfliktreiche Vergangenheit des Balkanstaates zog: eine Nationalhymne. ‚Europa‘, so der Name der textlosen Melodie, wurde schließlich am 11. Juni 2008 nach einem landesweiten Komponistenwettbewerb vom Parlament verabschiedet und hat eine ungewöhnliche Geschichte.

Offizielle Nationalhymnen kamen im späten 19. Jahrhundert weltweit auf und wurden zunächst bei besonderen staatlichen Anlässen und Feierlichkeiten gespielt. Schnell entwickelte sich auf internationaler Ebene die Gepflogenheit, bei Besuchen von ranghohen ausländischen Gästen deren Heimathymne zur Begrüßung zu spielen; damit wurde seinen Gästen die Ehre erwiesen und der Respekt des gastgebenden Landes gezollt. Mit der Zeit entwickelte sich diese Geste zu einem festen Bestandteil der internationalen Diplomatie und gelangte zu protokollarischem Rang.

Die Hymne eines Staates gehört mittlerweile zum nationalen Selbstverständnis wie die Nationalflagge oder das Wappen. Viele Länder haben die Gewichtigkeit ihrer Hymnen für den Zusammenhalt der Nation erkannt und diese auch in den jeweiligen Verfassungen verankert. Nationalhymnen bringen in den meisten Fällen das historische Bewusstsein einer Nation zum Ausdruck und feiern zurückliegende Ereignisse, die den Staat in besonderer Weise geprägt haben. Die französische Nationalhymne etwa, die Marseillaise, besingt die Siege der Revolution und feiert den Übergang von der tyrannischen Herrschaft der Monarchie hin zur demokratischen Republik.

Vor diesem Hintergrund stellt Europa, die Nationalhymne der Republik Kosovo, eine Besonderheit dar. Nachdem das Parlament in der Hauptstadt Priština am 17. Februar 2008 die Unabhängigkeit von Serbien erklärte, erschallte im ganzen Land die ‚Ode an die Freude‘ von Ludwig van Beethoven – eine Melodie, die weltweit als Meisterwerk der musikalischen Universalität verstanden wird. Dieser wohl berühmteste Teil von Beethovens 9. Sinfonie ist aber nicht nur in den Konzerthäusern der Welt sehr gern gehört, sie ist seit 1972 auch die offizielle Hymne der Europäischen Union. Hier gilt sie als Ausdruck des europäischen Gedankens der Vereinigung und der gemeinsamen Werte Freiheit, Frieden und Solidarität.

Dass die kosovarische Regierung die Europahymne nach der Erklärung der Unabhängigkeit zu offiziellen Anlässen spielen ließ und somit in den Rang einer Nationalhymne erhob, ist also neben der allgemeinen Bedeutung, die Beethovens Melodie beigemessen wird, auch ein deutliches Zeichen für das Selbstverständnis des jungen Staates gewesen. Die Botschaft war im In- und Ausland nicht misszuverstehen – die Kosovaren sehen sich selbst und ihren neuen Staat als integrativen Teil des vereinten Europas und finden sich in den Werten der EU wieder.

Dies ist mit Blick auf die jüngste Geschichte des Landes kaum unterzubewerten. Viele Jahre des auch bewaffneten Konflikts prägten die letzten beiden Jahrzehnte in Jugoslawien und dessen Nachfolgestaaten.
Im Vielvölkerstaat kam es immer wieder zu Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen. Diese Konflikte mündeten im Zerfall des Landes – im Jahre 2006 bildeten nur noch Serbien und Montenegro, dessen Teil das Kosovo war, völkerrechtlich die Nachfolge des einst großen Jugoslawien. Dennoch blieben auch in diesem Staatengebilde die Konfrontationen und Gewalttätigkeiten zwischen den sehr unterschiedlichen Völkern bestehen – mit der Unabhängigkeitserklärung von Montenegro am 3. Juni 2006 und zwei Jahre später mit der Loslösung des Kosovo von Serbien war die Geschichte Jugoslawiens endgültig besiegelt.

Im Kosovo leben heute etwa zwei Millionen Menschen, die Mehrheit der Bevölkerung hat albanische Wurzeln. 10% der Bewohner haben einen anderen ethnischen Hintergrund. Innerhalb dieser Minderheit bilden die Serben die größte Gruppe; es leben aber auch in nennenswerter Größe Bosniaken, Türken und Kroaten im Land.

Die Regierung des Kosovo hat aus der Vergangenheit ganz offenbar viele richtige Schlüsse gezogen. Um soziale Spannungen – wie es sie aufgrund der Vielfalt der Ethnien in Jugoslawien häufig gab – zu vermeiden, musste innerhalb der Bevölkerung der Eindruck vermieden werden, es gäbe eine bevorzugte Schicht im Lande. Im alten Serbien und Montenegro fühlten sich Kosovaren und Montenegriner von der serbischen Mehrheit bevormundet; unter anderem die Tatsache, dass Serbisch die einzige Amtssprache war, löste großes Unbehagen und ein Gefühl der kulturellen Unterdrückung aus. Heute sind die Sprachen der beiden größten Bevölkerungsgruppen, Albanisch und Serbisch, die offiziellen Amtssprachen des Kosovo.

Die Entscheidung, Beethovens Sinfonie zur vorläufigen Nationalhymne zu erklären, war also auch ein Signal an die Bevölkerung und verdeutlichte, dass keine Ethnie im Lande bevorzugt werde. Zudem deutete sich hier schon eine weitere Besonderheit an: ebenso wie die Europahymne sollte auch die endgültige Nationalhymne ohne Text auskommen und damit für jeden Kosovaren – gleich, welchem kulturellen und sprachlichen Ursprungs er ist – allgemein gültig sein. Nur drei weitere Nationalhymnen auf der Welt haben keinen gesungenen Text.

Kaum einen Monat nach der Erklärung der Unabhängig setzte das Parlament in Priština eine Kommission ein, die eine Nationalhymne für das junge Land finden sollte. Vertreter aller Parteien – und somit aller ethnischen Gruppen – waren in diesem Gremium zu finden. Sie schrieben einen landesweiten Wettbewerb aus und forderten Komponisten auf, ihre Vorschläge für die Hymne einzureichen. Im Juni 2008 schließlich wurde die von Mendi Mengjiqi, einem kosovoalbanischen Komponisten, verfasste Melodie mit dem Titel ‚Evropa‘ (Europa) vom Parlament zur Nationalhymne gewählt und trat mit der Verabschiedung der neuen Verfassung wenige Tage später in Kraft.

‚Europa‘ ist heute eine von der Mehrheit des Landes vollkommen akzeptierte Nationalhymne und dient ihrem Land als verbindendes Element.

Keine andere Nationalhymne hat eine solch kurze und demokratische Entstehungsgeschichte wie die kosovarische. Sie hat zwar keinen Text, aber ihre Universalität und der Titel – Europa – unterstreichen den Anspruch des Kosovo, nach den konfliktreichen Jahren in der Vergangenheit ein innen- und außenpolitisch stabiler Staat im Herzen des freien und friedlichen Europa zu sein.

Hymn of Kosova, Europe – Hymne des Kosovo – Original, Himni i Kosoves, Origjinal Evropa

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6 Kommentare

  • Ich finde dass es zeit wurde dass kosovoalbaner die moeglichkeit bekommen ihre freiheit und unabhaengigkeit zu leben .kosovo der erste schritt ist getan jetzt holen wir uns alles andere was uns zusteht kosovaren die wahren helden

    • die Hymne hat keinen Text, weil im Kosovo viele verschiedene Nationen Leben und man keine benachteiligen will indem man einen text in einer Sprache schreibt.

  • Als ich vor 10 Jahren das erste Mal im Kosovo war, sagte ich, dass dieses Fleckchen Land Unabhängigkeit verdient und bald bekommt. Meine Kameraden haben mich oft belächelt. Nun höre ich diese Hymne und weiß, dass es wahr geworden ist… Das ist schön! Und ich komme wieder…

  • Weil Kosovo vllt. Seid 2008 zu einem eigenen land gewählt wird Kosovo hat dann eine neue hymne und eineneue Flagge bekommen und Albanien hat noch die alte Hymne und Flagge

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