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Ibrahim Rugova

Das deutsche Politmagazin „Der Spiegel“ würdigte den ehemaligen Kosovo-Präsidenten Ibrahim Rugova in einem Nachruf vom Mai 2006 als einen „gänzlich untypischen Politiker“. Der ehemalige Professor für albanische Literatur hatte nämlich eher zufällig in der Welt der Diplomatie und Politik Fuß gefasst.

Als einstiger Vorsitzender des kosovarischen Schriftstellerverbands traute Rugova sich anscheinend als Einziger zu, die Politik des Kosovo in seine Hände zu nehmen und das Land in die Unabhängigkeit zu führen. Bevor der 1944 geborene Rugova im Jahre 2002 bis zu seinem Tode im Jahre 2006 Präsident des Kosovo wurde, studierte der Sohn eines wohlhabenden Großgrundbesitzers Philosophie. Später engagierte sich Rugova als Führer und Mitbegründer der demokratischen Liga seines Landes in der Politik. Nachdem der Kosovo die Teilautonomie von Serbien erlangt hatte, galt Ibrahim Rugovas vorrangiger Einsatz der wirtschaftlichen und politischen Unabhängigkeit der Provinz Kosovo. Schon 1992 hatte man ihn das erste Mal zum Präsidenten des Kosovo ernannt, ebenso 1998. Doch es haperte zu dieser Zeit noch mit der internationalen Anerkennung. Die Rechtmäßigkeit der Wahl wurde ebenso angezweifelt wie die Bedeutung und politische Überlebensfähigkeit der selbst ernannten „Phantomrepublik“ Kosovo. Nur Albanien anerkannte die Wahl Rugovas und die Eigenständigkeit des Kosovo seinerzeit. Rugova wurde zeitweise im Hausarrest verwaltet, während die Serben ethnische Säuberungen vornahmen. Trotzdem gelang es ihm, den Ausbau des Verwaltungs-, Bildungs- und Gesundheitssystems im Lande zu erreichen. Seine Haltung zum Serbienkonflikt war klar eine gewaltfreie. Er proklamierte das Prinzip des passiven und gewaltlosen Widerstandes, wie ihn Ghandi schon erfolgreich gegenüber den regierenden Briten geübt hatte. In seiner ansonsten anerkannten politischen Laufbahn gab es allerdings durchaus auch dunkle Stellen. So ließ sich Ibrahim Rugova beispielsweise zu einer bestimmten Zeit mit dem jugoslawischen Diktator Milosevic ein oder fiel in diesen Zusammenhang als Kritiker der Nato unangenehm auf. Dennoch galt er während seiner dritten Amtszeit als Präsident des Kosovo im Westen als Symbolfigur eines gewaltfreien Kampfes der Kosovo-Albaner um ihre Unabhängigkeit und war entsprechend anerkannt.

„Gandhi des Balkans“

Die politische Geschichte des Kosovo als unabhängiger Republik ist eng mit dem Namen und der politischen Arbeit von Ibrahim Rugova verknüpft. Man nannte ihn wegen seiner Politik des passiven Widerstandes später gar den „Gandhi des Balkans“. Seine Landsleute sahen in einem meist moderaten Auftreten jedoch eine politische Schwäche. Rugova war in ihren Augen zu passiv. Mancher nannte ihn sogar einen Verräter. Abwarten war eher Ibrahim Rugovas Haltung als ein leidenschaftliches Voranstürmen, wie es dem Temperament der Kosovo-Albaner vielleicht eher entsprochen hätte. Man warf ihm gelegentlich vor, das Schicksal seiner Landsleute, die anfangs in Flüchtlingslagern dahin vegetierten, sei ihm weniger wichtig gewesen als sein neuer Nobel-Wohnsitz. Solche Vorwürfe kratzten durchaus am Image von Ibrahim Rugova, aber es gab keine Alternative zu ihm. Auch wenn sein Ansehen in der Bevölkerung nach solchen Vorwürfen sank, wählte man ihn anlässlich der ersten freien Wahlen im Jahre 2001 wieder. Ab 2002 war Rugova amtierender und frei gewählter Präsident des Kosovo, der zu diesem Zeitpunkt bereits unter dem Kuratel der UNO stand. Rugova liebte das gute Leben. Es war ihm schließlich von Geburt an in die Wiege gelegt worden. Als der Kettenraucher an Lungenkrebs erkrankte, überließ er das politische Amtsgeschäft immer öfter anderen. Am 21. Januar starb Ibrahim Rugova in Pristina. Zu diesem Zeitpunkt konnte er durch drei wichtige Auszeichnungen seine politische Arbeit gewürdigt sehen. Bereits 1996 hatte Ibrahim Rugova die Ehrendoktorwürde der Sorbonne erhalten. Im Jahre 1998 wurde ihm vom Europäischen Parlament der Sacharow-Preis für geistige Freiheit zu erkannt. Im gleichen Jahr erhielt Rugova den Toleranzpreis der deutschen Stadt Münster. Auch wenn die eigenen Landsleute so manchen Zweifel an ihm hatten: Das Ausland schätzte Rugova als verlässlichen und politisch einschätzbaren Partner. In seiner Amtszeit als anerkannter und frei gewählter Präsident des Kosovo verfolgte Ibrahim Rrugova eine Politik der engen Zusammenarbeit mit der Europäischen Union, ebenso hielt er es mit den USA.

Vater der Kosovo-Nation

2005 wurde Rugova daher er im Amt bestätigt. Im selben Jahr entging er einem Bombenanschlag und gegen Ende des Jahres wurde seine Erkrankung bekannt. Die große Anteilnahme der Kosovo-Albaner bei seinem Begräbnis zeigte, dass sie sich doch von Rugova gut vertreten gefühlt hatten. Auch internationale Politprominenz aus Slowenien, Kroatien, Bosnien, Mazedonien, Montenegro und der Schweiz belegte seine große Bedeutung für die unruhige Region. Die Albaner nennen Rugova heute den „Vater der Kosovo-Nation“. Nur selten sind Politiker unumstritten – aber was sie in den Augen der Zeitgeschichte letztlich bedeutend macht, ist das, was sie im Laufe ihrer Tätigkeit erreicht haben.

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